Das Erbe von Ellen Sandberg

Veröffentlicht: 21. Oktober 2019 von Juliane

Das Erbe
Ellen Sandberg
Familiengeschichte
Penguin Verlag
Oktober 2019
Taschenbuch
512
… den Verlag!

2018: Mona Lang fällt aus allen Wolken, als sie die Nachricht bekommt, dass sie Alleinerbin von ihrer verstorbenen Großtante Klara ist. Mit einem Schlag ist sie reich und hat zudem ein großes, edles Haus in München-Schwabin geerbt. Doch was steckt hinter diesem Besitz und wie ist der Vater von Klara daran gekommen?
1938: Die junge Klara belauscht eines Abends das Gespräch von ihrem Vater mit ihrem Vermieter, der auch der Vater ihrer besten Freundin ist. Die jüdische Familie plant auszuwandern und die beiden Männer schließen ein Abkommen…

Meine Meinung:

Nachdem ich durch „Der Verrat“ schon erfahren durfte, was für ein Erzähl-Talent Ellen Sandberg (aka Inge Löhnig) ist, freute ich mich sehr, ihren neuen Roman „Das Erbe“ zu lesen. Allein der Klappentext machte mich neugierig, wobei der wirklich nur an der Oberfläche kratzt: In diesen 500 Seiten steckt eine so wahnsinnig gute Geschichte voller Nervenkitzel, moralischen Abgründen, deutscher Geschichte und Verbrechen.

Zu Beginn lernen wir unsere Protagonistin Mona direkt ziemlich gut kennen. Sie beschreibt sich selbst und ihr Leben sehr selbstkritisch, was mir gut gefiel. Sie ist eine positive und herzensgute Frau, die leider zu wenig selbstbewusst ist und sich Kritik zu nah kommen lässt – ihr fehlt etwas „Kick-Ass“. Mir war sie auf der Stelle sympathisch, ich mochte sie so sehr, was einen Großteil meiner Begeisterung für das gesamte Buch ausmachte. Hingegen spürte ich direkt eine große Abneigung gegen ihr Umfeld, was sich zum Leidwesen von Mona schnell bestätigte.. Allerdings brachte das die Story direkt ohne großen Aufbau auf den Weg.

Wieder einmal bin ich sehr beeindruckt, wie gut die Autorin Personen zeichnet. Indem sie kurze Situationen zeigt, transportiert sie einen konkreten – aber sehr unterschwelligen – Eindruck. So konnte ich beispielsweise eine gewisse Person üüüberhaupt nicht leiden, war mir aber nicht bewusst, warum (faktisch hat sie nichts falsch gemacht) oder ob das die Absicht von Ellen Sandberg war. Nun stellte später die Protagonistin Mona in einem Gespräch heraus, warum sie die Person nicht mag und es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Genau so erging es mir auch und genau das störte mich auch an der Person. Das nenne ich wirklich eine Begabung, fiktive Figuren zum Leben zu erwecken.

Die Geschichte, der Plot, ist einzigartig. Die Entwicklung hat mich fasziniert und wie bei „Der Verrat“ würde ich das Genre als „Krimi ohne Ermittler“ bezeichnen. Ich hätte zu Beginn nie erraten können, wie dieses Buch endet. Genau das macht das Lesen zu so einem Vergnügen und Erlebnis: Die Geschichte überrascht und hat so viele Ebenen, die einfach sprachlos machen. Mona und ihre verstorbene Großtante Klara erzählen abwechselnd ihre Perspektive von 2018 (Mona in der Gegenwart) und 1938 (Klara aus ihrer Jugend). Immer wieder gibt es auch einen Einschub einer dritten Person, der mich am Anfang tatsächlich ziemlich verwirrte – letztlich aber perfekt in das Gesamtwerk passt.

Klaras Erzählungen sind aus der NS Zeit in Deutschland. Ich lese wirklich, wirklich ungern aus dieser Zeit, da es einfach so furchtbar und viel zu nah an der heutigen Zeit ist. Doch Ellen Sandberg hat auch hier geschafft mich zu packen. Eindrucksvoll berichtet sie von Klaras Alltag und den Gewissenskonflikten, in denen sie und ihre Familie steckten. Wir erfahren viel über das Schicksal einer befreundeten jüdischen Familie und ich lernte tatsächlich noch eine Menge über die deutsche Geschichte. Mirjam, die Tochter jüdischen Familie, und beste Freundin von Klara, brach mir wirklich das Herz. Wenn man bedenkt, wie vielen Jugendlichen es ähnlich erging wie ihr. Sie ist die tragischste Person von Ellen Sandbergs Roman und mir wurde teilweise regelrecht übel, wie ihr zugespielt wurde.

Das Ende, der letzte Abschnitt des Buches begeisterte mich restlos. Einfach grandios! Diese so rasante Entwicklung, besser als mancher Thriller! Ich hielt den Atem an beim Lesen und wusste beim besten Willen nicht, wie die Autorin das auflösen wollte. Und dann ist alles rund und aaaach, es tut gut! Ich hätte mir kein anderes Ende für diese Geschichte gewünscht! Bravo, Ellen Sandberg! Ein kleines Easter-Egg hat die Autorin auch versteckt, indem sie eine bekannte Figur aus ihren Romanen als Inge Löhnig auftreten ließ. Ich liebe es, wenn Autoren ihren Geschichte in derselben Welt spielen lassen und die Bücher miteinander verknüpfen.

Wie man merkt bin ich begeistert. Der Roman hat alles, was man will und braucht um gut unterhalten zu werden. Ich lernte viel über die deutsche Geschichte, obwohl ich dachte, dass ich gerade aus der NS Zeit schon einiges kannte. Während des Lesens durchlief ich alle Gefühle: Hass, Liebe, Genugtuung, Mitleid, Trauer und Wut. Unvergleichlich und SO GUT! Ich kann diesen Roman absolut weiterempfehlen!


Fazit:

Für mich der bisher beste Roman von Ellen Sandberg! Von Anfang bis zum Ende war er spannend und ich konnte mich kaum losreißen. Die Zeit- und Perspektivwechsel brachten so viel Tempo und animierten mich sehr zum Rätselraten: Was ist damals geschehen? Wer ist wie mit wem verwandt? Werden alle überleben? Einfach klasse! Und auch über die nahe deutsche Geschichte lernt man viel – wobei ich nicht gedacht hätte, dass mir mal ein Roman über die NS Zeit so gefallen würde.


Vielen Dank…

… an den Penguin Verlag für mein Rezensionsexemplar!


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