[Rezension] Museum der Erinnerung

Museum der Erinnerung Book Cover Museum der Erinnerung
Anna Stothard
Zeitgenössisch
Diogenes
April 2017
304
The Museum of Cathy
die LitBlogCon

In der Schreibtischschublade ihres Büros im Berliner Museum hegt und pflegt Cathy ihr eigenes kleines Museum. Ihr Museum der Erinnerungen, bestehend aus kleinen Souvenirs ihres Lebens. Hier zeigt sie ihr ganzes Ich, welches sie sonst - gerade vor ihrem Verlobten - gern versteckt.

Dann taucht Daniel auf, der Mann, vor dem sie auf der Flucht ist. Er hat sie gefunden, weit weg von den USA, wo sie mehrere Jahre gemeinsam lebten und so viele gemeinsame Erinnerungen nicht aussprachen und verschwiegen.

 

Meine Meinung:

“Museum der Erinnerung” ist ein sehr eigenes Buch. Vermutlich wär mir das Buch in einer Buchhandlung nie aufgefallen, auch das Cover ist eher nichtssagend. Doch ich habe es vom Verlag auf der LitBlog Convention bekommen und ach, ich mag das Design des Diogenes Verlags ja sehr. Der Klappentext fasst die Geschichte zusammen, sagt aber eigentlich nichts aus.

Der gesamte Roman spielt sich an einem einzigen Tag ab. Es gibt einen fließenden – sehr angenehmen – Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart. Cathy erzählt tropfenweise ihre Geschichte, die einen wieder und wieder überrascht. Der grobe Rahmen ist schnell bekannt, das furchtbare Ereignis aus der Vergangenheit.

Mir hat es gut gefallen, wie die Autorin die verschiedenen Aspekte der Vergangenheit angeordnet hat. So lernt man immer abwechselnd einen neuen Teil von Cathys Ich als Kind, Jugendliche oder Erwachsene kennen.

Cathy an sich stellt keinen Stereotypen dar, gleichzeitig versucht die Autorin nicht auf Biegen und Brechen eine “verrückte, eigene” Frau aus ihr zu machen, was in vielen Roman ja einfach nur lächerlich wirkt. Ich hatte nach diesem Roman wirklich das Gefühl, dass ich Cathy als echte Person kennengelernt habe.

Die Geschichte behandelt also nur einen Tag. Dennoch ließ mich die Geschichte im Nachhinein einfach nicht los. Dieses Dreieck von Personen war so intensiv und die Geschichte war so berührend. Es baute sich ein beklemmendes Gefühl auf, eine Mischung aus Schrecken und Spannung. Rührung. Erleichterung. Trauer. Drama.

So viel steckt in diesem relativ kurzen Roman. So kompakt. So auf dem Punkt geschrieben mit viel Atmosphäre. Und mit einem Museum hat die Autorin das perfekt Setting geschaffen. Die Idee mit dem Museum von Erinnerungen gefällt mir sehr gut – es hat etwas kindlich, romantisches.

Auch mochte ich sehr, wie sich Cathy und ihr Verlobter regelmäßig Fakten erzählten und dann schätzten, ob es die Wahrheit oder eine Lüge ist. So lernt man noch einiges dazu (und sowas ist das Beste in Romanen!). Beispiel: “Gürteltiere bekommen immer Vierlinge.” (Ob das die Wahrheit ist?)

Die Erzählstimme ist sehr ruhig. Die Geschichte lässt sich locker lesen, ist dennoch keine leichte Kost. Cathy erzählt aus ihrem Leben, die beiden Männer haben gefühlt nur Gastspiele – die natürlich sehr intensiv sind. An den Erzählstil muss man sich erst etwas gewöhnen. Die Sprache ist sehr ausgewählt und ausführlich, aber nach dem ersten Kapitel ist man im Lesefluss.

Beeindruckt war ich vom Ende. Ein so perfekt passendes Ende gibt es selten. Ein Kreis schließt sich und man atmet als Leser auf. Gern hätte ich noch weiter gelesen, weil mich einfach die Geschichte und das Leben von Cathy nicht loslassen will.

Der englische Titel “The Museum of Cathy” finde ich fast noch passender als “Museum der Erinnerung” – da Cathys Museum eine große Rolle in der Geschichte spielt. So ist auch auf dem englischen Cover eine kleine Spielzeugfigur zu sehen. Leser des Buches wissen, wie treffend dieses Bild ist.


Fazit:

Eine Erzählung über eine Nacht, die das Leben dreier Menschen verändert. Ohne viel Aktion – eine leichte, aber eine doch sehr ausdrucksstarke Geschichte, welche mir sehr gut gefallen hat. Der Aufbau der Geschichte ist faszinierend, so geschickt gesponnen und erzählt. Eine klare Leseempfehlung!


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