[Rezension] Vermählung

Vermählung Book Cover Vermählung
Curtis Sittenfeld
Harper Collins
Juni 2017
Taschenbuch
600
Eligible

Mrs. Bennet, die Mutter von fünf unverheirateten Frauen, freut sich als Chip Bingley in ihre Stadt Cincinnati zieht. Chip ist ein reicher Single, der aus der TV Serie "Vermählung" bekannt ist. Er ist der perfekte Mann für ihre Jane, die mit ihren 40 Jahren immer noch keine eigene Familie gegründet hat.

Auch der gute Freund von Bingley (und gleichzeitig ein erfolgreicher Arzt) Fitzwilliam Darcy taucht auf. Doch in ihm finden die Frauen keinen Freund, den er ist versnobt und arrogant.

Es geht drunter und drüber im Hause Bennet als Liz rausfindet, dass die Villa ihrer Eltern hoch verschuldet ist. Doch wie kommen sie nun an Geld? Und wie schafft sie es, ihre jüngeren unselbstständigen Schwestern in ihr eigenes Leben zu führen.

 

Meine Meinung:

Es ist schwierig, meine Gefühle zu diesem Roman in Worte zu fassen und möglichst professionell zu bleiben. (Denn das versuche ich meist in meinen Rezensionen 🙂 ) ABER in diesem Fall muss ich dieses Vorhaben über Bord schmeißen und meine ungefilterten Gefühle rauslassen. Hätten sie eine Stimme würden sie laut um Hilfe schreien.

Ich bin Jane Austen Fan. Warum? Ich mag ihre Geschichten, ich mag ihre Ironie, ihre Charaktere und ihre charmanten (und wortwitzigen) Dialoge.  “Stolz und Vorurteil” ist mein Lieblingsroman seit über 10 Jahren. Die Geschichte liegt mir sehr am Herzen und ich kenne sie in- und auswendig. Sie ist einfach perfekt!

Was nicht heißt, dass ich per se gegen alle modernen Adaptionen bin. Ich lese gern Adaptionen, sehe mir moderne Filme an und kann den meisten auch etwas abgewinnen. Ob es Bridget Jones ist oder zuletzt die wunderbare YouTube Reihe “The Lizzie Bennet Diaries“. Dort wurde die Geschichte geschickt in die heutige Welt übertragen und man hat einfach dieses Austen-Gefühl.

“Vermählung” ist das Gegenteil.

“Vermählung” ist eine Katastrophe!

Von Anfang bis Ende habe ich mich gewunden, während ich dieses Buch gelesen habe. Dabei fing alles so gut an. Denn das Cover ist hübsch! Es sieht ein bisschen kitschig aus, aber durchaus romantisch und verspielt. Der Titel. Lassen wir den weg. Der ist sowieso fragwürdig. In diversen Netzwerken haben Leser positiv von dem Roman erzählt, er wurde in diverse Sprachen übersetzt und es gab Meinungen wie diese:

“Eine perfektere Kombination als Curtis Sittenfeld und Jane Austen muss man erst mal finden! Sittenfeld macht die bereits unwiderstehliche Geschichte noch faszinierender und bezaubernder.“ {Elle}

oder

„Selbst der eingeschworenste Austen-Fan wird sich von diesem Buch verführen lassen.“ {The Oprah Magazine}

HA. HA. HA. Nein!

Ich muss zugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe: Ich hatte mit den Klappentext vorher nicht durchgelesen. Warum auch? Ich kenne ja die Story! Oder?

Zum Buch. Wo fangen wir an? Am besten bei den Charakteren. Ich habe keinen der Austen Figuren wiedererkannt. Alle markanten Eigenschaften wurden verfälscht. Ein gutes Beispiel ist der reizende, charmante, aber etwas schüchterne (gutherzige!) Charles Bingley. Hier wird er in Chip umbenannt (warum?!) und ist bekannt als reicher Junggeselle aus der Show “Vermählung”, was der deutschen Sendung “Der Bachelor” entspricht. Chip ist weinerlich, ein Frauenheld, charakterlos und er spricht fast nie selbst. Seine Gefühle für Jane kommen nicht rüber. Auch seine Szenen mit Darcy sind viel zu knapp.

Darcy. Oh, unser geliebter Mr. Darcy wird ebenfalls ziemlich durch den Kakao gezogen. Er ist ein arroganter, reicher Arzt. Soweit so gut. Er ist unhöflich, unsozial und bei seinen Mitmenschen nicht sonderlich beliebt. Allerdings ändert sich das nicht. Die gesamte Story über bleibt sein Charakter für mich herzlos und unliebenswert. Selbst in den Szenen mit seiner Schwester fand ich ihn völlig kühl und blass. Übrigens behält er seinen Namen Fitzwilliam. Total logisch!

Lizzy Bennet wird zu Liz. Sie ist Journalistin und ziemlich zynisch. Wo ist die intelligente, stolze Lizzy? Sie hat eine Wortwahl, bei mir manchmal die Spucke wegblieb und ich doppelt lesen musste. Sie ist knallhart und führt ein ziemlich chaotisches Leben. Ihre sexuelle Beziehung zu Jasper (einem verheirateten Mann) hat mich auch sehr irritiert. (Soll das hip sein?)

Die anderen Personen sind ebenfalls fragwürdig und leider auch sehr unsympathisch. Die Autorin hat den Sinn von Austen nicht verstanden. Jane ist nicht liebenswürdig, Mr. Bennet ist einfach nur böse und insgesamt scheinen sich die Personen (gerade die Schwestern) nicht einmal untereinander zu mögen. Hä? Was mich persönlich ziemlich gestört hatte, ist der Fakt, dass Mary als die Seltsame dargestellt wurde, indem Sittenfeld sie zur Feministin gemacht hat. Wieso? Genau so hätte ich mir Lizzy heutzutage vorgestellt.

Zudem ist das Alter der Personen hochgesetzt. Durchaus ok, wenn man die heikle Situation als unverheiratete Frau darstellen möchte. Früher war das für 20-jährige ein Problem, heute für die 40-jährigen. (Ja, Jane ist schon 40!) Nur verhielten sich die Charaktere nicht ihrem Alter entsprechend. Einige Verhaltensweisen bauen darauf, dass die Personen jung sind. Lydia als Beispiel. Sie ist 15 im Original und hat nur Flausen im Kopf – hat das heute noch jemand mit mit Mitte 20?

Kommen wir zur Geschichte an sich. Da passt auch einiges nicht. Im Groben wurde der Plot von “Stolz und Vorurteil” übernommen, man entdeckt durchaus Parallelen. Allerdings sind wichtige und zielführende Ereignisse ausgelassen, was für mich das gesamte Bild als umstimmig dargestellt hat. Zudem hat die Autorin zu viele Themen angerissen. Mich haben einige ziemlich irritiert und ich empfand sie als sehr unpassend. Dazu gehörten:

  • Janes Versuche zur künstlichen Befruchtung
  • Ham (sein Platz in der Story und seine Geschichte)
  • Feindlichkeit gegen Homosexuelle
  • Fokus auf Sex (beim ersten Date – Jane?! und der Hass-Sex von Liz?)
  • Magersucht als Thema

Mein Eindruck war, dass die Autorin teilweise auch zu sehr einzelne Szenen in die moderne Welt übertragen wollte. Nehmen wir die erste Liebeserklärung von Darcy an Lizzy. Nach einer (von einigen!) heißen Begegnung im Bett sagt Darcy Liz, dass er sich verliebt hat. Mit dieser Begründung:

“Wahrscheinlich ist es eine Illusion, die das beim Sex freigesetzte Oxytocin verursacht hat” […] “Du bist nicht wunderschön und nicht annähernd so witzig, wie du denkst. Du bist eine Klatschbase [….], und deine Familie ist offensichtlich eine Schande. […]” {Seite 339 / 340}

Sehen wir mal, wie der Original-Darcy das verpackt hatte:

“Vergeblich habe ich mit mir gekämpft. […] Ich muss Ihnen sagen, wie sehr ich Sie bewundere und liebe.” Erzähltext: “…Das Bewusstsein ihrer sozialen Unterlegenheit, sein gesellschaftlicher Abstieg, die Überzeugung, dass familiäre Hindernisse seiner Neigung im Weg standen, wurden mit einer Leidenschaft vorgetragen […] Er schloss damit, dass er ihr seine tiefe Liebe noch einmal gestand, die er trotz all seiner Bemühungen zu unterdrücken nicht imstande sei […]
{Seite 215, Reclam Verlag, ISBN 978-3-15-010958-8}

Seht ihr, was ich meine? Austen-Darcy liebt sie wirklich, die Umstände sind nicht ideal und eigentlich hat er ja Recht – nur er ist leider etwas beleidigend und ungeschickt. Sittenfeld-Darcy beleidigt Liz! Er nennt sie “nicht wunderschön”. Wer hat hier den Austen Text nicht verstanden? Hat die Autorin mehr als nur den Wiki Eintrag über „Stolz und Vorurteil“ gelesen? Ich bin echt sauer. Denn das ist nicht mehr als eine richtig missglückte Fanfiction.

Das Buch ist sehr dick, umfasst 600 Seiten und ich wundere mich sehr über den Aufbau. Der Roman wirkt “heruntergeschrieben” ohne viel Konzept. Das zeigt sich auch in der Kapitellänge, die sehr variiert. Kurze Kapitel mag ich. Aber kurz bedeutet hier, dass ein Kapitel nicht einmal eine Seite füllt. Das bringt einen aus dem Lesefluss und so richtig reingekommen bin ich einfach nicht.

Ich könnte noch so vieles beklagen, aber ich will auch keinen Roman über den Roman schreiben. Es gibt viele negative Punkte, was es für mich zu einem No-Go Buch macht. Allerdings gibt es viele Fans von dem Buch und ihre Rezensionen sollte man sich ebenfalls ansehen. Bildet euch eure Meinung. Ich kann es keinem Austen-Fan empfehlen.


Fazit:

“Vermählung” ist für mich  eine billige Austen-Fanfiction, die mich sehr frustriert zurücklässt. Weder die Charaktere sind überzeugend in die heutige Welt übertragen worden, noch die Geschichte selbst.

Es sind 600 Seiten voll “OH MEIN GOTT – DAS IST NICHT WIRKLICH GERADE PASSIERT?” Momenten und ich bin mir sicher, meiner geliebten Autorin Jane Austen hätte es die Nackenhaare hochgestellt.

 


Weitere Rezensionen:

Miss Foxy Reads
Büchernest
Buchherz
Bellas Wonderworld

11 Antworten auf „[Rezension] Vermählung“

  1. Juliane! Ich danke dir für diese großartige Rezension! 😀 Ich musste so oft lachen und ja, du hast so recht. Dieses Buch ist einfach völliger Blödsinn, wenn man ihn mit dem Original von Jane Austen vergleichen soll. Wenn Leute diesen Roman ohne Vorkenntnisse über Stolz und Vorurteil lesen, können sie daran vielleicht Freude haben, aber ich kann das nicht.

    Danke, dass du nichts gekürzt hast und damit wirklich sehr gut belegt hast, wie unnötig es ist, dieses Buch zu lesen. Ich bereue überhaupt nicht, dieses dicke, nichtssagende Buch abgebrochen zu haben. 🙂

    Liebste Grüße
    Ellen

    1. Vielen Dank ❤️ Ich würde auch gern wissen, wie es mir gefallen hätte, wenn es nicht auf “Stolz und Vorurteil” basieren würde.. aber es passen so viele Sachen nicht 🤔

      Wie auch immer: Kein gutes Buch! 😁

      Hast du die richtige Entscheidung getroffen und es abgebrochen 😉

      Liebe Grüße
      Juliane

  2. Jetzt bin ich wirklich froh, dass ich es damals nicht gekauft habe.
    Ich habe das Austen-Original nicht gelesen, will es aber irgendwann und wollte es deshalb nicht vorweg lesen.

    Besonders gut gefallen mir die Zitate, die du hier eingebaut hast.
    Ich denke, ich werde wohl nichts verpassen, wenn ich dieses Buch nicht lese.

    Liebe Grüße
    Miriam

    1. Hej Miriam,

      lies auf jeden Fall lieber Jane Austen! ❤︎
      (Am besten in der Übersetzung aus dem Reclam Verlag.)

      Also meine Meinung: Du verpasst absolut gar nichts, wenn du ‘Vermählung’ nicht liest. 😉

      Liebe Grüße
      Juliane

  3. Oh je. Ich habe es kürzlich gewonnen und bin seeeehr gespannt, wie ich es finden werde. Ich, als Jane Austen Neuling die noch nichts kennt und endlich mal die Bücher lesen sollte. (ja, shame on me)

    Dennoch: tolle, ehrliche Rezension! <3

    Liebe Grüße,
    Nicci

  4. Huhu,

    ich sehe das ja völlig anders. Am Anfang war ich auch etwas entsetzt, ob der Veränderungen, aber bei mir hat sich das dann auch gegeben. Zwar bin ich auch ein großer Jane Austen Fan, allerdings erwarte ich von einer Neuerzählung auch genau das was das Wort sagt: Was Neues. Die Lizzie Bennet Diaries haben mir auch gut gefallen, allerdings hat mich da gestört das ganze Charaktere fehlten.

    Ich kann dir übrigens sagen warum Darcy seinen Namen behalten durfte: Das soll noch mal verstärken, dass er im Gegensatz zu den Bingleys nicht zur “Nouveau Riche” gehört. (weshalb er auch nie beim Bachelor etc. mitmachen würde) Lizzy/Liz finde ich auch eine gute Änderung, einfach, weil ich z.B. als Erwachsene nicht Lizzy genannt werden wollen würde. Das hätte ich mir spätestens mit 14/15 verboten.
    Was diese ganze Reality-Show Sache sowie Mary angeht kann ich dir allerdings nur zustimmen, das hat mir auch so gar nicht gefallen.

    Übrigens danke fürs Verlinken 🙂

    LG
    Lena

    1. Hej Lena,

      danke für deinen Kommentar 🙂

      Und auch danke für die Erklärung mit Darcys Namen – das erklärt es wirklich sehr gut! Vermutlich hätte mir das Buch auch besser gefallen, wenn ich es nicht ständig mit dem Austen-Original verglichen hätte. Da wurde einfach nur viel verändert – und mir hat es einfach nicht gefallen.

      Du bist ja nicht allein mit deiner Meinung, es gibt so viele positive Stimmen 🙂 Hier sind die Geschmäcker wieder einfach verschieden 😉

      Liebe Grüße und einen schönen Donnerstag ❤︎
      Juliane

Kommentar verfassen